Raudfeldur
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Urlaubstagebuch Island – Teil 4

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5. Januar 2019

Whiteout auf dem Weg zum Einsamen Berg

Für den dritten Tag wollte ich dann endlich einen der schönsten Spots Islands und einen ganz besonderen Punkt auf meiner Wunschliste aufsuchen: Den Kirkjufell. Als wohl eines der bekanntesten Wahrzeichen Islands ist der einsame Berg auf der Halbinsel Snæfellsnes sicherlich vielen schon einmal bei Instagram, Facebook oder in einem Reisemagazin unter die Augen gekommen. Wahrscheinlich meist mit Blick auf den sich unmittelbar davor befindenden Wasserfall Kirkjufellsfoss. Und genau da wollte ich hin, denn dieses Motiv will jeder halbwegs ambitionierte Landschaftsfotograf unbedingt in seinem Portfolio haben – unabhängig davon, dass es schon unzählige Male abgelichtet wurde und längst ein Anlaufpunkt für Instagram-Touris geworden ist.
Der Berg selbst ist so markant und einzigartig, dass er bereits in vielen Filmen und Serien als Kulisse dienen durfte. So war er beispielsweise auch in der HBO Blockbuster-Serie Game of Thrones als „Die Pfeilspitze“ zu sehen (Staffel 7, Episode 6 😉 ).
Es gibt zudem Vermutungen, dass der Kirkjufell J.R.R Tolkien als Inspiration für den Einsamen Berg/ den Erebor (einem wichtigen Handlungsort in den Mittelerde-Büchern) diente. Die Verbindung zu Island in Tolkiens Werken ist übrigens so interessant, dass ich einen entsprechenden Artikel darüber plane. Bleibt gespannt 🙂

Doch vorerst zurück zur Odyssee auf Islands fotogenster Halbinsel.
Snæfellsnes sollte neben dem bekannten Berg auch noch einige andere tolle Sehenswürdigkeiten aufweisen, welche sich idealerweise direkt auf der zuvor herausgesuchten Route befanden. In der Theorie klang es also schon einmal nach dem perfekten Trip.
So klingelte also recht früh der Wecker, unser kleines Mietauto wurde notdürftig vom Schnee befreit und schon konnte die (laut Google Maps) angeblich nur knapp 2, 5 stündige Fahrt gen Snæfellsnes losgehen.
Schon kurz nachdem wir Reykjavik verlassen hatten, fiel aber besonders eines ins Auge: Schnee. Je weiter wir in den West-Teil der Insel vordrangen, desto heftiger schneite es. Ich war trotzdem guter Dinge, schließlich hatte ich den gesamten Urlaub das isländische Sprichwort im Ohr: „Wenn dir das Wetter auf Island nicht gefällt, warte einfach 10 Minuten.“ In der Tat ändert sich das Wetter auf der Insel der Trolle und Elfen wirklich gefühlt mit jedem Wimpernschlag. Und so ließ der Schneefall tatsächlich irgendwann nach und wir konnten die tolle Route genießen. Links von uns das schier endlose Meer, rechts von uns Islands traumhafte Landschaft, herausgeputzt als Winter-Wunderland. Erster Zwischenstopp auf dem Weg zum schönsten Felsklotz Islands war dann nach einiger Zeit die Schlucht Rauðfelsdsgjá.

Raudfeldur

Der Eingang zur Klamm von der Straße aus gesehen

Ziemlich unscheinbar am Straßenrand fand sich irgendwann ein kleiner Wegweiser, welchen man – sofern man nicht weiß, dass in der Nähe ein Seightseeing-Spot ist – locker übersehen würde. Genau wie die Schlucht selbst, welche man vom Auto aus kaum wahrnimmt. Vor allem, wenn wie in unserem Fall alles extrem zugeschneit ist…
Zum Glück hatten wir den Hinweis aber rechtzeitig mitbekommen. Laut Google Maps sollte es sogar eine kleine Zufahrt zur Schlucht geben. Diese war durch die extremen Schneemassen aber unauffindbar, weshalb wir unser kleines, aber sich bis dahin tapfer schlagendes Auto direkt am Straßenrand geparkt hatten. Schnell die Kameras geschnappt und Richtung Schlucht marschiert. Für die knapp 300 Meter von der Straße zum Eingang der Schlucht (bzw. der Klamm wie es wohl fachlich korrekter ausgedrückt wäre) haben wir sicher gute 35 Minuten wenn nicht sogar mehr gebraucht. Der Schnee war teils hüfttief, ein Vorankommen war durch das ständige Einsinken nur sehr langsam möglich. Dazu kam, dass der Schneefall zwar aufgehört hatte, der Wind dafür aber immer mehr zunahm. Zudem hatten die Wolkendecke nun eine sehr starke Dichte angenommen, war nahezu komplett weiß und ohne jegliche Struktur. Das ist nicht nur aus fotografischer Sicht extrem doof (es gibt nichts langweiligeres als ein Foto mit komplett weißem oder aber strahlend blauem Himmel 😛 ) sondern sollte auch ein Vorbote auf das sein, was uns später am Tag noch bevorstehen würde.
Vorerst ließen wir zwei uns davon aber nicht weiter beirren und marschierten weiter auf den Schlund der Klamm zu.
Dort angekommen fiel dann zunächst der stetig ansteigende Lärmpegel auf. Dieser kam aber nicht vom Fluss, der sich in der Schlucht befinden sollte, sondern von den unzähligen Möwen, die an den Steilwänden innerhalb der Klamm nisteten. Während sich im Sommer wohl doch ab und an mal ein Tourist in die Schlucht begibt, war der Anblick von uns zu dieser Jahreszeit wohl doch ziemlich ungewohnt für die Tiere, weswegen einiges Durcheinander in der Kolonie aufkam.

Die Felsen der Schlucht sind teils komplett mit Moos bewachsen, was im Sommer sicher ein wirklich toller Anblick ist. Die Felsen selbst sind aber sehr schroff, der Weg teils sehr unwegsam. Darüber hinaus gibt es in der Schlucht einige recht schmale Stellen. Leuten mit ausgeprägter Platzangst würde ich daher eher von einem Besuch abraten. Für mich war das Erkunden allerdings ein echtes Abenteuer und ich würde die Schlucht liebend gern noch einmal ohne diese ganzen Schnee und Eismassen erkunden. Diese sorgten nämlich nicht nur dafür, dass man mit jedem Schritt damit rechnen musste, in den sich darunter befindenden kleinen Fluss zu treten, vielmehr machten sie bei ungefähr halber Strecke ein Weiterkommen vollends unmöglich. In einem größeren Hohlraum war Schluss, da der Weg durch eine etwas erhöhte aber sehr schmale Felsspalte weiterführte. Diese war aber fast vollständig von Schnee verschlossen. Das war in sofern schade, als dass somit der versteckte Wasserfall, der sich am Ende der Schlucht befinden sollte und den man im Sommer sogar mittels eines sich mitten darin befindenden Seils erklettern kann, nicht erkundet werden konnte. Wir haben uns also mit dem breiten Hohlraum begnügt, welcher aber auch einen tollen Anblick bot. Hier passierte dann allerdings etwas, was glücklicherweise gut ausging, mit etwas Pech aber wirklich übel hätte enden können…

Raudfelsdsgja

Ich in der Rauðfelsdsgjá Klamm

Während wir den Hohlraum erkundeten und Fotos schossen, wurde eine wohl besonders schreckhafte Möwe weit oben im Felsen so sehr aufgeschreckt, dass sie entweder eine Schnee- bzw-Eisplatte oder etwas Geröll vom Fels löste. Es folgte eine typische Kettenreaktion, immer mehr Material geriet in Bewegung und schließlich stürzten etliche Kilo Schnee nach unten. Leider stand mein Bruder zu diesem Zeitpunkt exakt an dieser Stelle und wurde samt Kamera direkt getroffen. Ihm ist wie gesagt glücklicherweise nichts weiter passiert. Nicht auszudenken aber, was passiert wäre, wenn noch mehr Schnee und Eis zu Boden gestürzt wäre. Mitten in der Schlucht, weit und breit keine Menschenseele… Nun ja, da möchte ich nur ungern genauer darüber nachdenken.
Es ist zum Glück nichts passiert und nach einigen coolen Fotos haben wir uns auf den Rückweg gemacht. Die Wolkendecke wirbelte während unseres Abenteuers in der Klamm einige Male kurz auf, was für eine nette Zeichnung/ Struktur im Himmel und somit schönere Fotos sorgte. So schnell wie die Wolkendecke aufriss, so schnell zog sie sich aber auch wieder zu und nach wenigen Minuten war wieder die undurchdringliche weiße, komplett strukturlose Decke über allem.
Wieder aus der Schlucht heraus machte sich dies dann vollends bemerkbar und zwar in Form von kompletter Leere…
Einen Whiteout hatte ich bis dahin noch nie selbst erlebt, aber als ich aus der Schlucht heraus kam, war sofort klar, warum dieses Wetterphänomenen so berüchtigt ist und keinesfalls unterschätzt werden sollte.
Kleine Erklärung: Als Whiteout bezeichnet man ein Phänomen, welches bei komplett schneebedecktem Boden und stark gedämpftem Sonnenlicht (zB. durch Bewölkung, Nebel oder Schneefall) auftreten kann. Aufgrund des extrem diffusen Lichts (durch die komplett strukturlose, dichte Wolkenschicht) und der damit geringen Leuchtdichte kommt es für unsere Augen zu einer starken Kontrastverringerung. Das komplette Blickfeld scheint gleichmäßig hell zu sein. Das hat ein Verschwinden des Horizontes zur Folge. Boden und Himmel gehen quasi nahtlos ineinander über. Auch Konturen oder Schatten sind nicht mehr erkennbar und der Beobachter hat das Gefühl, sich in einem endlosen weißem Raum zu befinden. Während unter anderen Umständen hier durchaus Vorsicht geboten wäre, war für mich in dem Moment der Anblick in erster Linie nur extrem faszinierend. Es sah einfach unglaublich surreal aus.
Allzu viel passieren konnte in unserem Fall ohnehin nicht. Zum einen hatten wir die Felswand im Rücken, welche uns als Fixpunkt diente, zum anderen war es zum Auto nicht allzu weit. Ein Verirren war also hier eher unwahrscheinlich 😀
Zurück am Auto konnten wir dann überlegen, wie es weitergehen sollte. Schließlich war das Ziel des Tages ja nach wie vor, Snæfellsnes zu durchqueren und zum Kirkjufell zu kommen. Die Sichtweite auf der Straße betrug nun allerdings nicht mal mehr 50 Meter. Es blieb also zunächst erst einmal nichts anderes übrig, als an der vermeintlichen Zufahrt von Rauðfelsdsgjá im Auto zu warten, ob auf das bekannte Sprichwort verlass war und das Wetter vielleicht doch noch umschwang.
Wie das letztlich ausging und was und beim Versuch, den Kirkjufell zu erreichen noch so passiert ist, könnt ihr dann im nächsten Eintrag lesen 😉

Troll

Der Halbtroll Bárður

Zur Rauðfelsdsgjá-Schlucht gibt es übrigens – wie zu nahezu jedem interessantem landschaftlichem Spot in Island – eine aus dem Mittelalter bzw. der Wikingerzeit stammende Sage. So sollen in der Schlucht vor vielen Jahren die Brüder Rauðfeldur und Sölvi mit der Tochter des Halbtrolls Bárður gespielt haben. Der Sage nach verschwand das Mädchen dabei auf mysteriöse Weise. (Es wird angenommen, dass die Saga hierbei auf ein Gewaltverbrechen anspielen soll). Aus lauter Wut über den Verlust seiner Tochter soll Bárður daraufhin die beiden Brüder in die Schlucht hinab gestürzt haben. Gemäß der Erzählung sollen noch heute die Geister der Beiden in der Schlucht ihr Unwesen treiben und für das unerklärliche Verschwinden von ahnungslosen Reisenden verantwortlich sein.

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Markus
Chemnitz

Hi, ich bin Markus - Mediengestalter, Fotograf, Freizeit-Vagabund - und möchte euch in diesem Blog von meinen Erlebnissen berichten. Freut euch auf einige (hoffentlich) interessante Beiträge und Fotos rund um die Abenteuer eines Backpackers. Wer noch mehr über mich wissen möchte, findet im Bereich "Über mich" noch weitere Infos.

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